Forschungsschwerpunkt: Geteilte Sensibilitäten

Forschungsschwerpunkt geteilte Sensibilitäten

Forschungsschwerpunkt geteilte Sensibilitäten

Im Sommersemester 2019 wollen wir einige unserer Überlegungen aus dem Schwerpunkt „Poetik und Politik“ wieder aufnehmen und danach fragen, wie die Poetiken audiovisueller Entwürfe einer gemeinschaftlich geteilten Welt zu den Prozessen politischer Gemeinschaftsbildung stehen. Ein Ausgangspunkt dabei sind Hannah Arendts Ausführungen zum Geschmacksurteil nach Kant. Wir gehen davon aus, dass sich die Dynamik, mit der Medien geteilte Sensibilitäten generieren – z.B. in Prozessen normierender Vergemeinschaftung und oder Taktiken abweichender, distinktiver Gemeinschaftsbildungen – über dieses Konzept aufschlüsseln lassen. Im Rahmen unserer Veranstaltungen wollen wir zum einen theoretische Vorannahmen und Implikationen des Verhältnisses von Geschmack und Gemeinschaft herausarbeiten. Zum anderen soll dieser Zusammenhang durch konkrete Fallstudien beleuchtet und nach den kulturellen, institutionellen, medientechnischen und politischen Bedingungen von Geschmacksurteilen und Geschmacksgemeinschaften gefragt werden. Dazu haben wir u.a. Thomas Bartscherer, Wout Cornelissen, Christian Pischel, Patricia Pisters, D.N. Rodowick und Thomas Wild als ausgewiesene Experten zum Denken Hannah Arendts eingeladen.

 

Ziel ist es, die Poiesis des Filme-Sehens als ein Modell der Gemeinschaftsbildung durch den Konsum audiovisueller Bilder zu beschreiben sowie das Verhältnis beider Konzepte theoretisch zu verorten. Gehen wir doch zum einen davon aus, dass Gemeinschaften – wenn man sie nicht durch gegebene Identitäten, Abstammungen oder Ideologeme fixiert – allein durch die Sensibilität einer geteilten Wahrnehmungswelt zu fassen sind; zum anderen folgen wir der These, dass geteilte Sensibilitäten und die Geschmacksgemeinschaften, in denen diese Sensibilitäten beobachtbar werden, von audiovisuellen Bildern nicht einfach dargestellt oder kommuniziert, sondern vielmehr erst durch diese Bilder hervorgebracht, modelliert, stabilisiert, zersplittert, fusioniert etc. werden.

 

Als ein besonders prägnantes Beispiel für solche Prozesse der permanenten ex- und inkludierenden Neufiguration von partikularen, kulturellen Gemeinschaften lassen sich die sub- und popkulturellen Fangemeinschaften anführen. Diese formieren sich durch ihr distinktives Geschmacksurteil – DC oder Marvel? Star Wars oder Star Trek? Sozialrealismus oder Eskapismus? – und sind dabei stets auf ihre Re-Aktualisierung in Praktiken des Gebrauchs kultureller und medialer Artefakte angewiesen. In diesem Sinne erscheint ihre distinktive Kraft auf genealogische Verzweigungen und Differenzierungen zurückzuführen zu sein.

 

Am exemplarischen Fall der Genres und Modi des Fantastischen lassen sich diese zwei Aspekte – die distinktive Gemeinschaftsbildung und die Genealogien poetischen Machens – besonders deutlich studieren. Ist hier doch unmittelbar evident, inwiefern die geteilten Wahrnehmungswelten des Fantastischen nicht auf der Ebene einer Repräsentation oder Darstellung zu fassen, sondern immer nur als spezifische Sinnlichkeiten zu begreifen sind, die in den historischen Verzweigungen und Bezügen der unterschiedlichsten Medien und Genres zu rekonstruiert werden müssen. Vor diesem Hintergrund werden wird die Kolleg-Forschungsgruppe Cinepoetics u.a. im September 2019 am Institut für Theaterwissenschaft/Seminar für Filmwissenschaft die 10. Jahrestagung der Gesellschaft für Fantastikforschung ausrichten. Mit Blick auf das „Romantisch-Fantastische“ soll dort insbesondere die Beziehung zwischen romantischen Ideen, Poetiken und Bildern zu möglichen Genealogien der Fantastik diskutiert werden.