Forschungsschwerpunkt: Filmisches Bild und Historische Erfahrung

Historizität

Historizität

Sowohl in den Veranstaltungen zum Schwerpunkt Genre und Affekt als auch in denen zum Schwerpunkt Poetik und Politik führten die Ergebnisse dazu, dass die ursprünglichen Fragen unter den Vorzeichen der Historizität jeweils noch einmal neu zu stellen waren. Das betrifft zum einen die Geschmacksgemeinschaften als eine Schnittstelle von Genre und Geschichte sowie von Politik und Geschichte. Das betrifft zum anderen die Erkenntnis, dass eine Reduktion der Geschichtlichkeit filmischer Bilder auf einen Kontextbegriff, der allein so etwas wie „Wissen“ um „Konventionen“ und die Darstellungsebene historischer Sachverhalte umfasst, überwunden werden muss.

Damit tauchte das Problem auf, im ästhetischen Modus des Films eine spezifische Erfahrungsdimension des Historischen als Effekt und als Bedingung der Poiesis des Filme-Sehens begrifflich und methodologisch greifbar zu machen, mithin auch an das Erbe der Hermeneutik kritisch anzuknüpfen. Nicht nur dem, was an filmischen Bildern (als Produkten) historisch sein mag und sich zur (politischen, gesellschaftlichen etc.) Geschichte in Beziehung setzen lässt, gilt unser Interesse. Es geht vor allem darum, wie sie ein Verständnis von Geschichtlichkeit prägen und historische als ästhetische Erfahrung eigentlich erst hervorbringen.

Im Zentrum unserer Arbeit mit den Film- und Medienwissenschaftlern Thomas Elsaesser, Erica Carter, Robert Burgoyne, Julian Hanich, Deniz Göktürk, Erhard Schüttpelz, Winfried Pauleit und Heide Schlüpmann stand daher die Frage, wie sich das Denken filmischer Bilder, die Poiesis des Filme-Sehens, als Konstruktion eines Raumes historischer Erfahrung fassen lässt. Vertieft und angewandt wurde dies in der Auseinandersetzung mit Präsentationen und Beiträgen unserer Artists in Residence Ayse Polat und Isabel Mundry und künstlerisch schaffender Gäste wie Stanislas Meda Bemile.

Wir gingen von der Annahme aus, dass sich Poetiken filmischer Bilder als eine Vielfalt unterschiedlicher Weltversionen verstehen lassen, die sich voneinander abgrenzen, einander fortschreiben oder variieren. Synchron mögen diese poetologischen Weltentwürfe filmischer Bilder in mannigfaltigen Konkurrenz- und Abhängigkeitsverhältnissen stehen. Diachron wäre ihre Geschichte als Prozess der permanenten Um- und Neugestaltung diverser ästhetischer Gemeinschaftsbildungen, als wechselnde Bedingungen eines Verstehens und Urteilens, Fühlens und Imaginierens in spezifischen politischen, kulturellen und medientechnischen Konstellationen zu rekonstruieren.

Die Wege, die im Rahmen eines solchen Erkenntnisinteresses beschritten und geschichtstheoretisch reflektiert werden sollten, schlossen an unsere bisherigen Forschungsschwerpunkte an. Wir haben festgestellt, anknüpfend an das Thema „Metapher – Kognition und filmisches Denken“, dass filmische Prozesse der Metaphorisierung auf analoge Übertragungs- und Beschreibungsmodelle im geschichtstheoretischen Denken (z.B. Reinhart Koselleck, Hayden White, Paul Ricoeur) bezogen werden können.

Aufs Engste verbunden war dieser Schwerpunkt mit unserem Ansatz zu „Genre und Affekt“, der darauf gerichtet ist, die Ausdifferenzie­rungen der Poiesis des Filme-Sehens als historische Ausfaltung unterschiedlicher Affektmodalitäten zu rekonstruieren. Dabei gingen wir den Verzweigungen diverser Genres filmischer Bilder, ihren Transformationen (Fredric Jameson), Affinitäten (Siegfried Kracauer) und dialogischen Wechselwirkungen (Michail Bachtin) mit den Medien und Gattungen anderer Kunst- und Unterhaltungsformen nach.

Mit Hannah Arendt und Michel de Certeau sowie mit der Ringvorlesung zu 1968 knüpften wir schließlich an den Forschungsschwerpunkt „Poetik und Politik“ an, indem wir das Verhältnis zwischen poetischer Weltwahrnehmung und Prozessen kultureller und politischer Gemeinschaftsbildung in den Blick nahmen. Dieses Verhältnis haben wir an Beispielen der Herausbildung heterogener Geschmacksgemeinschaften und ihrer Taktiken der Aneignung und des Konsums historisch präzisieren können – ein Thema, das wir in den kommenden Semestern noch weiter vertiefen wollen.

Gemeinsam war den genannten Ansätzen, die in Colloquien diskutiert und in Workshops an exemplarischen Gegenständen erprobt wurden, dass mit der Rede von der ‚Historizität filmischer Bilder‘ etwas anderes gemeint ist als ein implizites kulturelles oder historisches Wissen, das auf Filme in Anschlag gebracht wird. Vielmehr betrifft die poetische Erfahrungsdimension audiovisueller Bewegungsbilder immer auch die Möglichkeiten des Verstehens von Geschichte selbst: Sie modelliert die Bedingungen dieses Verstehens.

 

Ausgearbeitet wurden die ersten Ergebnisse in den folgenden Bänden der Cinepoetics-Schriftenreihe:

Michael Wedel: Pictorial Affects, Senses of Rupture. On the Poetics and Culture of Popular German Cinema, 1910-1930 (Januar 2019)

Hermann Kappelhoff, Christine Lötscher, Daniel Illger (Eds.): Filmische Seitenblicke. Cinepoetische Exkursionen ins Kino von 1968 (Oktober 2018)