Forschungsschwerpunkt: Poetik und Politik

Das Filme-Machen expliziert ein Filme-Sehen:

Das Filme-Machen expliziert ein Filme-Sehen:
Bildquelle: A bout de Souffle (FRA 1960, Jean-Luc Godard)

Ein Ergebnis unserer Arbeit zu Genre und Affekt war, dass sich, sobald man die soziale Wirklichkeit nicht mehr repräsentational denkt, sondern Affektökonomien und Geschmacksgemeinschaften in den Blick nimmt, poetologische Fragen direkt zu einer politischen Dimension führen. Aber wie steht dies zu der Tatsache, dass der zentrale Begriff des Politischen i.d.R. nicht die Poiesis, das Machen, sondern die Praxis, das Handeln ist?

Ausgehend von Richard Rortys Idee von der permanenten Verschränkung von Selbstbeschreibung und Handeln wollten wir die Möglichkeiten und Grenzen eines Politikverständnisses ausloten, das Praxis nicht mehr ohne einen engen Zusammenschluss mit Poiesis zu denken vermag.

Konkret zielen wir dabei auf die Frage, wie die Poetiken audiovisueller Entwürfe einer gemeinschaftlich geteilten Welt zu den Prozessen politischer Gemeinschaftsbildung stehen. Allgemein formuliert steht dahinter die These, dass das Verhältnis von Poetik und Politik variabel transformierbar ist und dass es immer nur spezifische und konkret zu verortende Konfigurationen eingeht, die selbst Gegenstand eines „Machens“ sind. Wie stellen also die Formen des poetischen Machens die Konfliktfelder des Gemeinwesens so her, dass sie zugleich die Handlungsmöglichkeiten des Politischen vergegenwärtigen – sei es als Bestätigung oder als polemische Interventionen?

Hatten wir mit Metapher und Kognition sowie mit Genre zunächst Felder in den Blick genommen, die im Zentrum aktueller Debatten der Filmwissenschaft und der eigenen Vorarbeiten stehen, ging es nun darum, den Horizont um angrenzende Felder zu erweitern.

Mit einer interdisziplinär zusammengesetzten Gruppe von Fellows wollten wir unsere Thesen und Fragen in Bezug auf die begriffliche Auseinandersetzung um poiesis und praxis bei Aristoteles, auf historische Konstellationen von Poetik und Politik sowie auf neuere Theorien des Politischen bearbeiten. Es ging uns nicht darum, die ganze Breite der Theorien des Politischen zu integrieren, sondern darum, die politische Dimension der Poiesis zu erarbeiten, wie sie sich aus unseren bisherigen Ergebnissen herleiten ließ. Zusammen mit den Philologen und Philosophen Martin Vöhler, Jan Völker, Anke Hennig, Oliver Lubrich, James McFarland, Barbara Hahn, Gesa Frömming, Ingo Kieslich u.a. wollten wir vor allem über gemeinsame Lektüren die von uns als relevant erkannten Begriffe präzisieren und in ihren historischen und systematischen Dimensionen differenzierter behandeln. Zugleich haben wir diese Begriffsarbeit genutzt, um die theoretische Reflexion unserer Praxis der Poiesis des Filme-Sehens in den Filmanalytischen Colloquien zu schärfen, die wir in diesem Semester mit den Filmen Steve McQueens bestritten.

Es war dabei weniger unser Ziel, einen eindeutigen Begriff von Poiesis und politischem Handeln zu fixieren, als vielmehr die vielfältigen Spannungsfelder von Poeisis und Praxis, Poetik und Ästhetik für eine theoretische Fundierung unserer Arbeit, von den Filmen her zu denken, zu gewinnen. Insgesamt wurde die Historizität und Vielseitigkeit des Poiesis-Begriffs noch einmal deutlich, der schon bei Aristoteles nur in spannungsreichen Konstellationen auftaucht. Evident wurde auch, dass die meisten historischen und auch aktuellen Positionen die Frage nach Poetik und Politik auf Modelle des Sprechens und Hörens, des Schreibens und Lesens reduzieren. Damit bestätigte sich die Notwendigkeit, diese Positionen nicht einfach auf filmische Bilder anzuwenden, sondern neu zu betrachten. Ebenso schien es uns geboten, die künstlichen, normativen Trennungen von Poiesis und Poetik sowie von Poetik und Ästhetik zu vermeiden.

So konnten wir weiter einen Begriff der Poiesis herausarbeiten, der die Dimensionen des Denkens und Handelns im Konkreten und im Machen hervorkehrt. Neben Rorty diente uns hier Hannah Arendt als Bezugspunkt, da ihre Arbeiten ein Scharnier zwischen Philosophie und politischer Theorie darstellen, in denen ein Denken kritisiert wird, das nicht die Konkretion und den Horizont der Pluralität im Handeln und Machen realisiert. Diskussionen zu Arendt und insb. ihrer Kant-Lektüre bildeten daher den Schwerpunkt des zweiten und auch des dritten Cinepoetics Symposions, in denen wir zum einen Arendts Begriff des poetischen Denkens und zu anderen das Geschmacksurteil als Bindeglieder zwischen Fragen der Poetik und Bestimmungen des Politischen befragten. Denn im Geschmacksurteil beantwortet sich die Frage nach der Gültigkeit des Weltentwurfs poetischen Machens darüber, ob er das affektive Selbstempfinden auf eine Weise betrifft, die nicht nur subjektiv gültig ist, sondern sich mit dem Anspruch verbindet, für alle anderen gelten zu sollen, die diese gemeinsame Welt teilen. Wir sehen darin die These bekräftigt, dass sich so das Geschmacksurteil als Agens politischen Denkens – aber auch als Zugang zu einem Raum historischer Erfahrung bestimmen lässt.

 

Ausgearbeitet wurden die Ergebnisse in den folgenden Bänden der Cinepoetics-Schriftenreihe:

Hermann Kappelhoff, Christine Lötscher, Daniel Illger (Eds.): Filmische Seitenblicke. Cinepoetische Exkursionen ins Kino von 1968 (Oktober 2018)

Hermann Kappelhoff: Genre und Gemeinsinn. Hollywood zwischen Krieg und Demokratie (2016)

Hermann Kappelhoff: Front Lines of Community. A Postscript to Hollywood War Cinema (2018)