Forschungsschwerpunkt: Genre und Affekt

Genre und Affekt

Genre und Affekt

Im Rahmen des Forschungsschwerpunktes zur Metapher als einem Paradigma für die Poiesis des Filme-Sehens haben wir einen Ansatz entwickelt, kognitive Prozesse der Sinnkonstruktion als verkörperte Erfahrungsformen zu beschreiben. Dabei wurde deutlich, wie sehr Formen der Darstellung und Symbolisierung affektiv grundiert sind. Wir haben dies zum Anlass genommen, das Verhältnis zwischen der Poiesis des Filme-Sehens und dem Diskurs filmischer Bilder an einem Problemfeld zu untersuchen, in dem wir die Auseinandersetzung mit kognitionstheoretischen Positionen fortführen können. Deshalb nahmen wir eine affekttheoretische Perspektive zum Ausgangspunkt, um den Genrebegriff systematisch zu überdenken.

Wir folgten dabei der leitenden Hypothese, dass die affektive Dimension audiovisueller Bilder generische Formen eines Empfindens betrifft, das kollektiv kommunizierbar ist und sich in verschiedenen Ausdrucksqualitäten manifestiert. Das hieß zum einen, Genres nicht, wie allgemein üblich, als eine Taxonomie von Textsorten zu verstehen und historisch deskriptiv herzuleiten. Das hieß zum anderen, mit dem Begriff der Affizierung nicht zuerst die psychische Befindlichkeit des Einzelnen, sondern vielmehr eine Dimension von Kollektivität anzusprechen.

Wir haben diese Fragen und Thesen mit einem Kreis prominenter internationaler Filmwissenschaftlerinnen und Filmwissenschaftler erörtert und vertieft. U.a. mit Christine Gledhill, D.N. Rodowick, Robert Burgoyne, Warren Buckland und Erica Carter haben wir theoretische Ansätze zu audiovisuellen Affekten und filmischen Genres genauso diskutiert wie methodologische Fragen. Dabei ging es auch und gerade darum, etablierte Genretheorien ins Verhältnis zu unserem Ansatz zu setzen – und auf diese Weise zu eruieren, inwiefern sich bestehende und erst noch zu entwickelnde Ansätze gegenseitig zu präzisieren vermögen. Wir suchten gezielt die Auseinandersetzung mit den Grenzen der Begriffe und mit einer großen Spannbreite an mitunter inkompatiblen Positionen.

Im Ergebnis ließen sich die Ausgangsthesen weiter konkretisieren zu einem Modell von Genrekino als einem System unterschiedlicher expressiver Modalitäten, welche die Zuschauer affektiv adressieren und in einer gemeinschaftlich geteilten Empfindungswelt verorten. So gesehen halten Genrefilme für uns die Erfahrung bereit, dass wir auf höchst unterschiedliche Weise mit der Welt – und jenen, mit denen wir diese Welt teilen – affektiv verwoben sind. In dieser Perspektive sind filmische Bilder als Interventionen in die Dynamik affektiver Verstrebungen konkreter Gemeinwesen zu fassen.

In den Diskussionen zum Verhältnis von Genre und Affekt, wie es in den Cultural Studies konzipiert wird, ist dabei deutlich geworden, dass die Relation zwischen filmischen Bildern und Kollektivität mit Text/Kontext-Dichotomien nicht adäquat erfasst wird. Einen Ansatzpunkt, um dieses theoretische und methodische Desiderat zu füllen, suchen wir einerseits über den Begriff der Aneignung und andererseits mit der Untersuchung von historischen und kulturellen Geschmacksgemeinschaften als paradigmatischem Effekt einer Poiesis des Filme-Sehens. Denn es hat sich gezeigt, dass die poetologische Frage danach, wie sich Filme aufeinander beziehen, immer wieder mit den Begriffen des Politischen beschrieben wurde: Gemeinschaft und Subjektivität, Dissidenz und Hegemonialität. Genau diese Verknüpfung wiederum haben wir zum Ausgangspunkt für den folgenden Schwerpunkt Poetik und Politik genommen.

 

Wichtige Vorarbeiten und Ausarbeitungen der Ergebnisse unserer Forschung sind in den folgenden Bänden der Cinepoetics-Schriftenreihe erschienen:

Michael Wedel: Pictorial Affects, Senses of Rupture. On the Poetics and Culture of Popular German Cinema, 1910-1930 (Januar 2019)

Hermann Kappelhoff: Genre und Gemeinsinn. Hollywood zwischen Krieg und Demokratie (2016)

Hermann Kappelhoff: Front Lines of Community. A Postscript to Hollywood War Cinema (2018)

Eileen Rositzka: Cinematic Corpographies. Re-Mapping the War Film through the Body (2018)

Hauke Lehmann: Affektpoetiken des New Hollywood. Suspense, Paranoia und Melancholie (2016)

Jan-Hendrik Bakels: Audiovisuelle Rhythmen. Filmmusik, Bewegungskomposition und die dynamische Affizierung des Zuschauers (2017)

Matthias Grotkopp: Filmische Poetiken der Schuld. Die audiovisuelle Anklage der Sinne als Modalität des Gemeinschaftsempfindens (2017)

Sarah Greifenstein: Tempi der Bewegung – Modi des Gefühls. Expressivität, heitere Affekte und die Screwball Comedy (2019)

 

Zudem befindet sich die dritte Ausgabe unseres online journals mediaestehtics zu diesem Schwerpunktthema in Vorbereitung für Herbst 2018.