Forschungsschwerpunkt: Metapher - Kognition und filmisches Denken

CCC enrollees watching a movie

CCC enrollees watching a movie
Bildquelle: Creative Commons (Gerald W. Williams Collection)

Die Auseinandersetzung mit Theorien zur Metapher und zur Metaphorologie bildete den Auftakt der Arbeit der Kolleg-Forschungsgruppe Cinepoetics – Poetologien audiovisueller Bilder. Im Mittelpunkt stand die Frage, ob theoretische Konzepte und Analysemodelle zu Prozessen der Metaphorisierung einen fruchtbaren Zugriff auf den filmtheoretischen Topos vom filmischen Denken darstellen. Wir untersuchten ob, und wenn ja wie, metaphorische Bedeutung durch die Interaktion von filmischen Bildern und Zuschauern entsteht und wie audiovisuelle Bilder eine genuin filmische Metaphorik entfalten.

Wir gingen davon aus, dass sich filmisches Denken nicht von einer Analyse der repräsentierten Inhalte her aufschlüsseln lässt. Es ging also nicht darum, linguistische oder kognitionstheoretische Metaphernkonzepte auf die repräsentierten Inhalte audiovisueller Bilder anzuwenden. Genauso wenig wollten wir die Bilder als Manifestationen eines abstrakten Zusammenspiels universeller kognitiver Schemata betrachten. Wir gingen vielmehr davon aus, dass sich das filmische Denken überhaupt erst in der konkreten Interaktion zwischen filmischen Bildern und Zuschauern konstituiert. Metaphorizität wollten wir in diesem Zusammenhang als einen Emergenzprozess untersuchen, in dem die bedeutungsgenerierenden Relationen selbst erst hergestellt werden.

Um diesen Fragen und Thesen nachzugehen, verfolgten wir einen dezidiert transdisziplinären Austausch zwischen der Filmwissenschaft und der gegenwärtigen Metaphernforschung. Die dem Kolleg assoziierte Linguistin und Gestenforscherin Cornelia Müller gestaltete die Forschungsarbeit zum Jahresthema mit und war hierfür zugleich Fellow. Im Laufe unseres ersten Jahres arbeiteten wir mit einer vielseitigen Fellowgruppe aus der Kognitiven und Angewandten Linguistik, der Gestenforschung, der Psychologie und der Medienwissenschaft: Mit Lynne Cameron, Alan Cienki und Raymond W. Gibbs, Jr. waren Gründungsmitglieder der Association for Researching and Applying Metaphor (RaAM) bei uns Fellows, deren Arbeiten das gegenwärtige internationale Forschungsfeld zur Metapher ganz entscheidend mitgeprägt haben. Weitere Fellows waren Irene Mittelberg, Eve Sweetser und Kathrin Fahlenbrach. Gäste waren Naum Kleiman, Warren Buckland, Martin Vöhler, Oliver Lubrich, Charles Forceville, Mark Turner und Petra Gehring.

In der Lektüregruppe zu klassischen Theorien der Metapher konzentrierten wir uns vor allen Dingen darauf, über die Frage nach der Erfahrungswirklichkeit, den Nexus zwischen philosophischen / rhetorischen / poetologischen auf der einen und kognitionstheoretischen / linguistischen Theorien der Metapher auf der anderen Seite wieder offen zu legen. Wir bauten dabei auf vorherige Forschungen zu multimodaler Metaphorik und filmischer Ausdrucksbewegung auf, in denen wir uns erstmal mit dynamischen Metaphernmodellen aus der Linguistik und Kognitionswissenschaft beschäftigten und nun auf den Konnex von Metaphorisierung und filmischen Denken fokussierten. Kann die Poiesis des Filme-Sehens in gleicher Art und Weise durch Metaphorisierungen aufgeschlossen werden, wie zum Beispiel die Dynamiken von verbalen und gestischen Diskursen?

Die Hypothesen und methodischen Ansätze wurden in Workshops und in den Filmanalytischen Colloquien an konkreten Gegenständen im gemeinsamen Gespräch angewandt und überprüft. Dazu gehörten auch die Aktivitäten Lynne Camerons, die als nicht nur als Fellow, sondern auch als Artist in Residence wertvolle Impulse zur theoretischen und praktischen Reflexion der Interaktionsräume des Wahrnehmens, Sprechens und Machens, der Poiesis in künstlerischen Praktiken und Formen kreativer Kollaboration gab.

Im Juli 2016 richteten wir mit der RaAM 11: Metaphor in the Arts, in Media and Communication, den alle zwei Jahre stattfindenden Kongress der RaAM – Association for Researching and Applying Metaphor an der Freien Universität Berlin aus. Mit einem round-table präsentierten wir eine genuin filmwissenschaftliche Perspektive zur Metapher, die wir gemeinsam mit unseren Fellows ausgearbeitet hatten, in der internationalen Gemeinschaft der angewandten Metaphernforschung. Ebenfalls veranstalteten wir einen pre-conference Workshop “How meaning becomes graspable” zum interdisziplinären Methodentransfer an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder).

Im Herbst 2016 veranstalteten wir das erste Cinepoetics-Symposion, das Anne Eusterschulte als assoziierte Kollegiatin mitgestaltete. Darin führten wir die Auseinandersetzung mit der philosophischen Metaphorologie nach Hans Blumenberg als Grundlage für ein filmtheoretisches Resümee des Jahresthemas.

Im Rahmen dieses Forschungsschwerpunktes entstanden theoretische Ausarbeitungen und methodologische Entwürfe, mit denen greifbar wird, inwiefern Metaphorizität als eine Dynamik zu fassen ist, die unterschiedliche Erfahrungsformen zueinander in Beziehung setzt. Metaphern verbinden dabei nicht einfach gegebene Ähnlichkeiten und ihre kognitiven Korrelate, sondern lassen diese Verbindungen als neue Perspektiven auf die Wirklichkeit erst entstehen. Zugespitzt bedeutet dies, dass gestische, sprachliche, audiovisuelle etc. Metaphorisierungen nicht einfach gegebene Bedeutungen übermitteln. Denn sie sind immer auf eine umfassende Erfahrungswirklichkeit, eine Welt bezogen und die Bedingungen dieses Bezugs werden durch den Prozess der Metaphorisierung selbst hergestellt.

Auf das filmtheoretische Konzept der Ausdrucksbewegung zurückgreifend, wurde die körperliche Erfahrung, von der Dynamik der Bilder affiziert zu werden, als grundlegende Quelle von filmischen Metaphorisierungen verstanden. Damit konnten wir an den filmtheoretischen Topos vom Denken des Films anschließen, wie er schon bei Sergei Eisenstein mit der Metapher verknüpft wurde, und diesen konkretisieren als ein Denken, das sich in der Modulation von Wahrnehmungsschemata vollzieht und dabei symbolische Formen mit affektiven Dynamiken untrennbar verknüpft.

 

Ausgearbeitet wurden die Ergebnisse in den folgenden Bänden der Cinepoetics-Schriftenreihe:

Hermann Kappelhoff: Kognition und Reflexion. Zur Theorie filmischen Denkens (Oktober 2018)

Cornelia Müller und Hermann Kappelhoff: Cinematic Metaphor. Experience – Affectivity – Temporality (in Zusammenarbeit mit Sarah Greifenstein, Dorothea Horst, Thomas Scherer, Christina Schmitt) (Oktober 2018)

Sarah Greifenstein, Dorothea Horst, Thomas Scherer, Christina Schmitt, Hermann Kappelhoff, Cornelia Müller (Hrsg.): Cinematic Metaphor in Perspective. Reflections on a Transdisciplinary Framework (mit Beiträgen von Lynne Cameron, Alan Cienki, Anne Eusterschulte, Kathrin Fahlenbrach, Raymond W. Gibbs, Michael Wedel) (Oktober 2018)

Dorothea Horst: Meaning-Making and Political Campaign Advertising. A Cognitive-linguistic and Film-analytical Perspective on Audiovisual Figurativity (November 2018)

Christina Schmitt: Wahrnehmen, fühlen verstehen. Metaphorisieren und audiovisuelle Bilder (Frühjahr 2019)

 

Außerdem versammelt die zweite Ausgabe unseres online journals mediaesthetics Beiträge von Keynote-Speakern und einigen vortragenden Nachwuchswissenschaftlern der RaAM-Tagung 2016 „Metaphor in the Arts, in Media and Communication“, die von Cinepoetics (in Kooperation mit der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt Oder) ausgerichtet wurde.